#154

März 8th, 2010

…hatte er die Unart vieler Ausländer, das Sprechtempo zu beschleunigen, wenn er nicht mehr Herr über die Grammatik war? (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 17)

#153

März 8th, 2010

Was immer uns Rumen zeigt, meine Schwester quittiert es mit einem lieblichen Lächeln. Ich kenne dieses Lächeln genau. Meine Schwester setzt es auf, wenn sie im tiefsten Inneren angeödet ist. Es ist ein die Welt ihrer Lieblichkeit versicherndes Lächeln, das kommentarlos bleibt und keinerlei Anteil nimmt. Die trockene, in Zucker erstarrte Version ihres Lächeln. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 14)

#152

März 8th, 2010

Rumen Apostoloff möchte uns die Schätze Bulgariens zeigen. Meine Schwester und ich wissen es besser: solche Schätze existieren nur in den bulgarischen Hirnen. Wir sind überzeugt, Bulgarien ist ein grauenhaftes Land - nein, weniger dramatisch: ein albernes und schlimmes. Seine Gegenden? Meer, Wald, Gebirge, Auen? Unseretwegen mag es da verborgene Reize geben. Wir sind aber keine Ornithologen und wollen auch nicht auf Bärenjagd gehen. Auf malerische Rhodopenschluchten geben wir nichts, Hammerschläge in Rhodopentälern erschüttern uns nicht, Glockengeläut lädt uns nicht zum Kirchgang ein. Rosenfelder sind für uns Rosenfelder und sonst wenig, Rosenfelder bringen unsere Herzen nicht in Wallung. Bloß weil man auf eine blutrote Fläche zeigt, benehmen wir uns nicht wie Frischverliebte und erfahren auch keine Extrablutzufuhr. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 10)

#151

März 8th, 2010

Wie ihm die ganz wilde, ganz unvernünftige Passion fürs Schöne fehlte, konnte ich mir kaum vorstellen, daß sie sich von so dämonischen Gefühlen wie Haß oder Liebe in die Wolken reißen ließen. Ihre Ehe nannten sie denn auch “Partnerschaft” und würden es zumindest befremdlich finden, wenn sich einem schon beim Wortklang die Herzhaare sträubten. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 18)

#150

März 2nd, 2010

Seit ich diese Pflanze hasse, wächst sie. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 175)

#149

März 2nd, 2010

Die Werke von Hubsis Schwester, bescheiden mit “Aramis” signiert, waren nicht nur so bunt, daß sich das Geschrei der Vorhölle wie ein Domchor gegen die akustische Umsetzung der Farben ausgenommen hätte… (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 173)

#148

März 2nd, 2010

… sah die Villa nicht gerade anheimelnd aus; neben üblichem Schnickschnack einer fußkalten Gebärdenarchitektur, dreieckigen Fenstern … (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 171)

#147

März 2nd, 2010

… mit ihrem lang anhaltenden Pssst!, das sich wie Seelenspray über alles Unbotmäßige legte. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 169)

#146

März 2nd, 2010

Bei aller Stärke zählte sie zu den charakterschwachen Menschen, für deren innere Balance es unerläßlich ist, jemanden Schuld zuzuschieben. Nie würde sie eingestehen, daß auch sie Teile der Katastrophe verursachte, die beide manchmal noch Ehe nannten; Sündenbock war stets der Alte. Freilich knüpfte sie die Beweisketten oft so kompliziert, daß sie selbst darin hängenblieb, und ließ sich ihre Schuld an einem Vorfall dann nicht leugnen, zerdrückte sie die Zigarette, starrte aus dem Fenster und murmelte ihr Leckt mich doch all am Arsch! (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 132)

#145

März 2nd, 2010

Meine Eltern essen Punkt zwölf Uhr zu Mittag. Schon eine Verspätung von Minuten kann Grund für lausige Kräche und haarsträubende Taschendramen sein: Denen dann Besäufnisse folgen, trotzige, in getrennten Räumen. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 119)