#162

März 14th, 2010

Schon wieder mengt sich der Vater ein, drückt die Fingerspitzen an den Mund, wie um sich zu bedenken. Sein Schwarzhaar so sauber und akkurat, als hätte ihn der Traum für uns gekämmt. Denkt mal in aller Ruhe nach, will er damit sagen. Nur nicht so vorlaut, meine Töchter. Kein Mensch nimmt euch ab, wenn ihr behauptet, ihr wüßtet Bescheid. Das ist natürlich leeres Gerede, wie üblich. Wir wissen wenig. Na und? Ist doch klar: auch wenn wir Bulgaristik, Schafskäserei und Indoeuropäisches Selbstmordkunde mit Schwerpunkt Psychopathologie männlicher Gynäkologen studiert hätten - für eine Richteramt in Sachen Vater kämen wir nicht in Frage. Nicht mal für ein schäbiges Familiengericht, das in einer Baracke tagt. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 43)

#161

März 14th, 2010

Eine Bedienung in mittleren Jahren, die ausschaut, als würden ihre Kleider sie nicht ganz zuhalten, bringt unser Frühstück, eine Zigarette zwischen die Finger geklemmt, von der etwas Asche auf den Teller der Schwester fällt. Eisenhartes Kinn. Baumfällertyp. Das durch und durch abgebrühte Geschöpf hat sich vor uns aufgepflanzt und blickt auf uns herab, als hätte es den Befehl bekommen, uns niederzuhauen, sollten wir auf die Idee kommen, an irgend etwas herumzumäkeln. Meine Schwester ist morgens auf nachsichtige Weise lethargisch. Herausfordernde Personen können sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Das preßspanartige Brot, der graue Kaffee, die Tomate, die in Menschenjahre umgerechnet schon über siebzig zählt, sie mustert die Bescherung geruhsam und bittet Rumen, um ein schärferes Messer zu fragen. (…) Sobald ein neues Messer gebracht worden ist, geht meine Schwester ans Werk. Sie ist die Meisterin des präzisen Kleinschnitts, eine chirurgische Begabung, die nicht Menschenfleisch zum Ziel hat, sondern Frühstückbrote. Die Tomate wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt, und weil mir das nie gelingen würde, ohne daß dicke und dünne Scheiben in ein Mißverhältnis zueinander kämen und die Schnittstellen am Hautrand unschön ausgefranst wären, schiebt meine fürsorgliche Schwester mir eine tadellos geschnittene Tomatenscheine hin, bevor sie auf ihrem eigenen Teller weitermacht. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 38f.)

#160

März 14th, 2010

Rumen zeigt sich von der lustigen Seite, er hat seinen Zuversichtsgenerator angeworfen, der ihm die fröhlichsten Prospekte ins Hirn wirft. Im Eifer des Hungers mustert er die mit Lämpchen behängten Fassaden wie ein wählerischer Bordellbesucher, beugt sich wisserisch zu den ausgehängten Speisezetteln hinunter. Meine Schwester, dieses nach allen Windrichtungen schwankende Temperamentsrohr, läßt sich von ihm anstecken, faßt den Burschen sogar beim Arm und lacht mit ihm, als wäre ich nie zur Welt gekommen. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 32)

#159

März 13th, 2010

Meine Schwester und ich bewohnen verschiedene Zimmer. So weit geht die Schwesternliebe nicht, daß wir zusammen ein Zimmer nähmen. Auch die Gewohnheiten erlauben es nicht. Meine Schwester schläft nachts wie befohlen. Sie ist im Besitz der dafür nötigen Gewissenleichtigkeit. Ich bin mit dem Wachfluch belegt, wandere herum, kann zwischen Lichtaus und Lichtan kein Ende finden. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 32)

#158

März 13th, 2010

Trotzdem kann Alexander Iwailo Tabakoff nicht für einen glücklichen Mann gelten. Er mag es in jungen Jahren gewesen sein, als er sich in die für die ihn bestimmte Blondine verliebte - ein Prachtexemplar, das er da zu fassen kriegte! Von sprudeligem Charme, das kräftige Haar zu Dauerwellen gedeht, klackernde, rasselnde Goldglieder mit Glücksanhängern um den Arm, ein Mund, den alle bulgarischen Männer zu küssen begehrten, wiewohl eine penible antrainierte Damenhaftigkeit solche Begehrlichkeiten schmollend zurückwies. Als Kinder waren wir von ihr begeistert, drückten uns immer in ihrer Nähe herum, schmeichelten ihr. Die Frau roch gut; neben ihr kam alles, was lebte, zu seinem Recht. Sie besaß eine Leibesgenerosität, die wir an unserer Mutter vermißten. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 29)

#157

März 13th, 2010

Rebloggeria: “Zur technischen Kompetenz von Kleinkindern wollte ich nur eben anmerken: Sie überholen uns, sobald sie die erste Taste drücken können.” Diese Blog entdeckte ich erst vor kurzem; es gehört seit der ersten Sekunde zur “Möge-der-Autor-doch-täglich-schreiben”-Gruppe.

#156

März 13th, 2010

Von seiner Erziehung sollte ein Kind später sagen können: Wenn ich das überlebt habe, kann ich alles überstehen. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 169)

#155

März 13th, 2010

Das ist das Wesen des Charmes: über alle Bösartiges zu sagen, abgesehen von dem Menschen, mit dem man zusammen ist, so daß dieser sich im Privileg der Ausnahme sonnen kann. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 125)

#154

März 8th, 2010

…hatte er die Unart vieler Ausländer, das Sprechtempo zu beschleunigen, wenn er nicht mehr Herr über die Grammatik war? (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 17)

#153

März 8th, 2010

Was immer uns Rumen zeigt, meine Schwester quittiert es mit einem lieblichen Lächeln. Ich kenne dieses Lächeln genau. Meine Schwester setzt es auf, wenn sie im tiefsten Inneren angeödet ist. Es ist ein die Welt ihrer Lieblichkeit versicherndes Lächeln, das kommentarlos bleibt und keinerlei Anteil nimmt. Die trockene, in Zucker erstarrte Version ihres Lächeln. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 14)